BILDNISMINIATUREN | KÜNSTLER/BILDER | TECHNIKEN |
SCHENKUNG EMIL S. KERN | VEREIN FREUNDE DER MINIATUREN-
SAMMLUNG KERN
Bildnisminiaturen

Bildnisminiaturen sind eine Besonderheit der Kunstgeschichte. Sie besitzen einen anziehenden Charme und eine spezielle Intimität - ihre Sammlungen sind oft die verborgenen Schätze der Museen. Miniaturen galten seit der Renaissance als leidenschaftliche Sammelobjekte des Adels. An europäischen Fürstenhöfen hatten Maler die Aufgabe, ihre Auftraggeber mit grösstmöglicher Präzision ins kleinste Format zu bannen. Je nach Mode und künstlerischem Standpunkt reicht das Spektrum von einem schonungslosen Realismus, der auch vor wenig Schmeichelhaftem nicht Halt macht, bis zur idealisierenden Verklärung harmonischer Gesichtszüge. Die durch die Jahrhunderte wechselnden Schönheitsideale spiegeln sich aber nicht nur in den Gesichtern, sondern auch in der Vielfalt der Frisuren, Accessoirs und Bekleidungen sowie in der Malweise.

Die Aufgabe der Miniatur war eine vielfältige. Die Stücke wurden kostbar, teils sogar mit Perlen und echten Diamanten gefasst und als Schmuck getragen. Die Damen trugen Bildnisse ihrer Familienmitglieder an einer langen Kette um den Hals, als Fingerring oder als Armband ums Handgelenk. Die Rückseiten zeigen oftmals kunstvolle Arrangements aus Haaren, Perlen und Goldschnüren, um die persönliche Verbundenheit mit den Dargestellten zu demonstrieren. Miniaturen dienten auch zum Gedenken an eine verstorbene Person oder zur Erinnerung an einen besonderen Anlass wie Verlobung oder Heirat.

Zu den wichtigsten Herkunftsländern von Bildnisminiaturen zählt England. Hier erlebte diese Kunst, nachdem Hans Holbein d.J. als Hofmaler von Henry VIII einen fulminanten Auftakt gesetzt hatte, während annähernd 400 Jahren eine kontinuierliche Entwicklung mit Zeiten von besonderer Blüte. Mit Nicolas Hilliard sowie Isaac Oliver sind die wichtigsten Miniaturisten der Stuart-Zeit in der Sammlung Emil S. Kern vertreten. Von hier führt eine Reihe grosser Meister wie Samuel Cooper, John Hoskins, Peter Cross und Christian Zincke bis zu jener Blütezeit der englischen Bildnisminiatur im späten 18. Jahrhundert. Maler wie John Smart, Richard Cosway, Andrew Plimer oder Jeremiah Meyer haben im kleinen Format die Gegenstücke geschaffen zu Reynolds' und Gainsboroughs mondänen Darstellungen des aufstrebenden britischen Adels, der sich damals anschickte, die Welt mit seinem Kolonialreich zu beherrschen. Als ein Charakeristikum der englischen Bildniskunst, das durch die Jahrhunderte hindurch festzustellen ist, erscheint eine gewisse Nüchternheit. Viele der Dargestellten wirken etwas unterkühlt, in vornehmer Blässe, und bewahren so eine Distanz zum Betrachter – im Gegensatz etwa zum gewinnenden Charme und der Opulenz bei den Franzosen.

Frankreich zählt zu den führenden Nationen der Bildnisminiatur. Hier gelten die Epochen des Rokoko und des anschliessenden Klassizismus als Zeiten grösster Entfaltung. Im Werk des gebürtigen Schweden Pierre-Adolphe Hall, dem "Fragonard der Miniatur", findet das heitere, lebensfrohe Rokoko einen kongenialen Apologeten. Seine Idealbildnisse modisch gekleideter Damen, zeichnen sich durch einen malerisch lockeren, frei hintupfenden Stil aus. Die Zeit Napoleons brachte einen immensen Aufschwung für die Maler von Miniaturen, mussten sie doch Porträts vom Kaiser und seiner Familie sowie des ganzen Hofstaats und anderer Adepten für den steigenden Bedarf teils in zahlreichen Wiederholungen ausführen. Zu den gefeiertsten Künstlern dieser Epoche zählten Jean-Baptiste Isabey, Jean-Baptiste Jacques Augustin, der geadelt wurde, Daniel Saint, Jean Urbain Guérin und François Dumont.

Eine besondere Stellung in der Sammlung kommt den Schweizer Miniaturisten zu. Seit Holbeins Zeiten zählen sie zu den gefragtesten ihres Fachs in ganz Europa und arbeiteten nur selten in ihrem Heimatland. Dazu gehören neben den Schaffhausern Georg Michael Moser und Johann Heinrich von Hurter die Genfer Jean Petitot, Hofmaler Ludwigs XIV. und ebenso tätig für den englischen König, sowie François Ferrière, der in England und Russland arbeitete. Ein herausragender Miniaturist war der als grösster Pastellmaler des 18. Jahrhunderts gefeierte Jean-Etienne Liotard. Eine Genfer Spezialität war die Emailmalerei, die mit Beispielen u.a. von Jean François Soiron und Salomon Guillaume Counis in der Sammlung ausserordentlich reich vertreten ist.

Auch Österreich, Deutschland, Italien, Skandinavien, die Niederlande und Russland sind in der Sammlung repräsentiert. Alle erwähnten Künstler können anhand hervorragender Werkgruppen studiert werden.

Der Ausklang der Bildnisminiatur als Kunstgattung erfolgte im 19. Jahrhundert, in einer Zeit, die zugleich ihr letztes Aufbäumen zeigt. Das jähe Ende wurde beschleunigt durch die schnelle Entwicklung der Fotografie, die wegen ihrer Reproduzierbarkeit zum Rückgang der komplizierten und teuren Kunstform der Miniaturmalerei seit den 1840er Jahren beitrug. Bemerkenswert ist, wie die Fotografen, unter denen sich einige umgeschulte Miniaturisten befanden, die bildlichen Strategien der Bildnisminiatur, etwa bezüglich Komposition, Arrangement, Posen, Ausschnitt oder Atelierdekor übernahmen.